Wenn aus Jägern Beschützer werden: Kolumbianische Fischer ändern ihre Haltung zu Haien
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An der nördlichsten Spitze Kolumbiens spielt sich eine Geschichte ab, die zeigt, dass der Schutz von Haien nicht immer mit einem Verbot beginnen muss. Manchmal beginnt er bei einem Menschen, der sie sein ganzes Leben lang gejagt hat.
Ganz im Norden Südamerikas, in der kolumbianischen Region La Guajira, trifft die Wüste auf die Karibik. Hier liegt Punta Gallinas, ein abgelegenes Gebiet, das von der Wayuu-Gemeinschaft bewohnt wird, deren Leben seit Generationen eng mit dem Meer verbunden ist. Das Meer ist hier nicht nur die Landschaft um die Häuser herum. Es ist eine Quelle für Nahrung, Arbeit und Einkommen, und der Fischfang ist Teil einer Tradition, die von Eltern an Kinder weitergegeben wird. In einigen Familien ist Haifleisch immer noch eine wichtige Proteinquelle. Und genau deshalb ist die Geschichte, die sich hier in den letzten Jahren abgespielt hat, so wichtig. Einige Fischer, die früher gezielt Haie gefangen haben, helfen heute bei deren Erforschung und Schutz.
Einer von ihnen ist der 46-jährige Wilfrido Arends, von den Einheimischen Caracas genannt. Mit neun Jahren begann er zur See zu fahren. Von seinen Großeltern lernte er das Fischen, den Umgang mit Netzen und den Haifang. Das war damals nichts Ungewöhnliches. Der Haifang war Teil der lokalen Lebensweise, und der Handel mit Haifleisch und Flossen verschaffte einigen Familien das Geld für Treibstoff, Netze, Haken und andere Dinge, die für die Fortsetzung des Fischfangs notwendig waren. Arends verstand später, dass, wenn dieser Druck ungehindert fortgesetzt würde, die lokale Haipopulation ein ähnliches Schicksal erleiden könnte wie die Meeresschildkröten, die nach Angaben der Einheimischen aufgrund übermäßigen Konsums allmählich aus der Region verschwanden. "Was den Schildkröten passiert ist, wollen wir nicht den Haien passieren lassen", erklärt er.
Kolumbien hat bereits 2021 ein Gesetz erlassen, das den gezielten Fang von Haien und Rochen verbietet. Im Jahr 2024 wurden die Regeln dahingehend geändert, dass unter bestimmten Bedingungen der zufällige Fang einiger Arten weiterhin erlaubt ist. Doch ein Verbot allein kann das Problem in Gemeinschaften nicht lösen, in denen Haifleisch Teil der Ernährung ist und in denen die Menschen in einer der ärmsten und von Ernährungsunsicherheit am stärksten betroffenen Regionen des Landes leben. Für einige Familien kann man daher nicht einfach sagen: Hört auf, Haie zu fangen. Die eigentliche Frage lautet: Wovon sollen wir leben und unsere Kinder ernähren?
Genau hier kommt Proyecto Puyuii ins Spiel, eine kolumbianische Initiative zum Schutz von Haien. Ihre Mitglieder arbeiten direkt mit den Wayuu-Fischern zusammen und versuchen, das traditionelle Wissen der Einheimischen mit moderner Meeresforschung zu verbinden. Die Gewässer um La Guajira sind noch überraschend wenig erforscht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass hier eine hohe Vielfalt an Haien und Rochen lebt, aber es fehlen noch genügend Daten, um wirklich wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Die lokalen Fischer haben daher begonnen, bei der Dokumentation von Fängen, der Vermessung von Haien und der Entnahme von Flossenproben zu helfen. Jedes erfasste Individuum kann dazu beitragen, besser zu verstehen, welche Arten hier leben, wie viele es sind und welchen Druck die Fischerei auf sie ausübt.
Die Forschung enthüllt dabei eine bemerkenswerte Vielfalt. Im weiteren Bereich der kolumbianischen Karibik wurden bisher 90 Arten von Haien und Rochen registriert, wobei die Wissenschaftler selbst darauf hinweisen, dass diese Liste nicht vollständig ist. Direkt um Punta Gallinas melden die lokalen Fischer zum Beispiel Tigerhaie, Seidenhaie, Schwarzspitzenhaie und die vom Aussterben bedrohten Kleiner Hammerhaie. Gerade ein besseres Wissen über die lokalen Populationen kann in Zukunft dazu beitragen, nachhaltige Fischereiregeln aufzustellen oder Schutzgebiete zu schaffen.
Die Veränderung findet jedoch nicht nur in Laboren und Forschungsberichten statt. Auch die Arbeitsweise einiger Fischer ändert sich. Arends beispielsweise hat den gezielten Haifang mit Langleinen aufgegeben und verwendet stattdessen Netze. Die Fischer in Punta Gallinas haben auch begonnen, Netze mit größeren Maschenweiten zu verwenden, die eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, junge Haie zu fangen. Außerdem platzieren sie ihre Netze weiter entfernt vom offenen Meer, wo Haie häufiger vorkommen. Wenn ein Hai zufällig gefangen wird und noch lebt, versuchen sie, ihn freizulassen. Laut Arends haben bereits etwa 17 von geschätzten 20 Booten in Punta Gallinas den gezielten Haifang eingestellt.
Auf den ersten Blick mag die Zahl 17 von 20 nur eine Statistik sein. Tatsächlich stellt sie jedoch eine enorme Veränderung in einer Gemeinschaft dar, in der der Haifang seit Generationen Teil der Tradition war. Arends selbst beschreibt diese Veränderung als Wandel „vom Jäger zum Beschützer“. Und genau darin liegt vielleicht die größte Stärke des gesamten Projekts. Die Einheimischen sind nicht nur diejenigen, denen Wissenschaftler sagen, was sie tun sollen. Sie beteiligen sich selbst an Beobachtungen, Datenerfassung und der Suche nach Wegen, wie Menschen und Haie denselben Raum teilen können.
Doch in der nahegelegenen Bahía Hondita ist die Situation komplizierter. Die dortige Fischergemeinschaft ist größer und viele Menschen sind weiterhin wirtschaftlich vom Haifang abhängig. Laut lokalen Fischern verwenden einige immer noch Haken und lange Leinen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Problem liegt jedoch nicht nur in der Fischerei. La Guajira leidet auch unter Wassermangel und Ernährungsunsicherheit. Nach einer erfolglosen Regenzeit im Jahr 2025 verlor beispielsweise eine der lokalen Familien den Großteil ihrer Ziegenherde, die eine wichtige Quelle für Nahrung und Einkommen darstellte. Darüber hinaus leiden laut Artikel in der Region etwa ein Drittel der Kinder an chronischer Unterernährung.
Gerade deshalb sagen einige Fischer, dass sie einen Ersatz brauchen, wenn sie mit dem Haifang wirklich aufhören sollen. Nicht nur ein Versprechen des Schutzes, sondern eine echte Möglichkeit, ihre Familien weiterhin zu ernähren. Und ein Weg könnte der Ökotourismus sein. Die Idee ist einfach: Wenn ein lebender Hai für die Gemeinschaft wirtschaftlich wertvoller sein kann als ein toter, kann sich auch die Motivation der Menschen ändern, die auf See arbeiten. Einheimische können Touristen mit Booten befördern, als Führer arbeiten, Unterkünfte oder andere Dienstleistungen anbieten. Einige haben diesen Wandel bereits vollzogen. Alexi López, der zu den aktivsten Haifängern in Punta Gallinas gehörte, verdient heute hauptsächlich seinen Lebensunterhalt mit dem Transport von Touristen mit Autos und Booten und verdient nach eigenen Angaben mehr als früher mit der Fischerei.
Genau diese Art von Veränderung kann für den Naturschutz eine viel größere Bedeutung haben als ein bloßes Verbot. Damit der Schutz langfristig wirksam ist, muss er auch für die Menschen, die direkt im jeweiligen Ökosystem leben, sinnvoll sein. Es reicht nicht aus zu sagen, dass Haie im Ozean bleiben sollen. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, unter denen es für die Einheimischen vorteilhafter ist, einen lebenden Hai zu haben als einen toten. Wie der Mitbegründer des Projekts, Felipe González, sagt, geht es darum, wie man aus einem Hai etwas macht, das für die Fischer lebend einen größeren Wert hat als tot.
Und dann kam ein Moment, der zeigte, dass diese neue Denkweise tatsächlich zu wurzeln beginnt. Im Mai 2026 fingen Fischer in Bahía Hondita ein großes Tigerhai-Weibchen. Als sie feststellten, dass es trächtig war, fanden sie im Inneren ihres Körpers Jungtiere. In der Vergangenheit hätte ein solcher Fang wahrscheinlich auch für sie das Ende bedeutet. Diesmal entschied Juan Manuel Uriana, der dreiunddreißigjährige Vertreter des lokalen Fischereiverbandes, anders. Anstatt die Jungtiere ihrem Schicksal zu überlassen, wurden sichere Freilassungstechniken angewendet, die die Fischer von Proyecto Puyuii gelernt hatten. Am Ende gelang es, 43 lebende Tigerhai-Jungtiere ins Meer zurückzubringen.
Gerade der Schutz junger Haie kann für die Zukunft der Populationen von außerordentlicher Bedeutung sein. Wird ein junges Individuum gefangen, bevor es sich fortpflanzen kann, verliert die Population nicht nur einen Hai, sondern auch seinen zukünftigen Beitrag zur nächsten Generation. Die Möglichkeit, 43 Jungtiere wieder in den Ozean zurückzubringen, ist daher nicht nur eine symbolische Geste. Es ist ein konkretes Beispiel dafür, wie neue Erkenntnisse das Ergebnis einer Situation verändern können, die früher ganz anders ausgegangen wäre. Uriana beschreibt außerdem, dass die Jungtiere gemeinsam mit Kindern freigelassen wurden. So sehen sie von klein auf, dass ein Hai nicht nur etwas ist, das gefangen und getötet wird, sondern auch ein Tier, dem eine zweite Chance gegeben werden kann.
Die Geschichte von Punta Gallinas ist jedoch keine Geschichte davon, dass das Problem über Nacht gelöst wurde. Traditionen ändern sich nicht durch ein Gesetz oder ein Projekt. Haifleisch ist in einigen Gemeinden immer noch ein wichtiger Bestandteil der Ernährung und einige Fischer sind davon abhängig. Der Schutz muss daher Hand in Hand mit wirtschaftlichen Möglichkeiten und mit Respekt vor der lokalen Kultur gehen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Proyecto Puyuii nicht versucht, die lokale Tradition einfach auszulöschen, sondern Wege findet, den Druck auf die Haipopulationen zu verringern, junge Individuen zu schützen, das Wissen über lokale Arten zu verbessern und gleichzeitig neue Einkommensquellen zu schaffen.
Die vielleicht größte Veränderung findet am Ende nicht in den Netzen oder Gesetzen statt, sondern in der menschlichen Sicht auf den Hai. Ein Tier, das seit Generationen als Beute angesehen wurde, kann plötzlich als Teil des Meeres wahrgenommen werden, von dem die Zukunft der gesamten Gemeinschaft abhängt. Ein Mensch, der gelernt hat, Haie zu fangen, kann auch lernen, wie man sie sicher freilässt. Ein Fischer, der früher mit toten Haien Geld verdiente, kann einen Weg finden, mit einem lebenden Ozean Geld zu verdienen. Und ein Kind, das heute seinen Vater auf See beobachtet, kann eines Tages statt Jäger Biologe oder Naturschützer werden. Arends' Enkelin und einer seiner Söhne wollen laut Mongabay Meeresbiologie studieren, und Arends selbst träumt davon, dass in Punta Gallinas eines Tages ein Zentrum für Haiforschung entsteht.
Gerade deshalb ist diese Geschichte viel mehr als nur ein weiterer Bericht über den Schutz gefährdeter Haie. Sie zeigt, dass wahrer Naturschutz manchmal dort beginnt, wo wir ihn vielleicht nicht erwarten würden – bei Menschen, die selbst Teil des Problems waren. Nicht, weil sie der Natur gegenüber gleichgültig waren, sondern weil sie überleben mussten. Wenn sich ihre Bedingungen ändern und sie die Möglichkeit erhalten, einen anderen Weg zu finden, kann sich auch ihre Beziehung zum Ozean ändern.
An Bord eines kleinen Fischerbootes blickt Wilfrido Arends weiter auf den Horizont. Sein Sohn, ein zweiundzwanzigjähriger Mann, der nach seinem Vater Caraquitas genannt wird, zieht ein Fischernetz aus dem Wasser. Dasselbe Meer, das frühere Generationen ernährt hat, soll nun laut Arends auch die kommenden ernähren. „Alles, wofür wir uns bemüht haben, ist, unseren Kindern etwas zu hinterlassen“, sagt er. Und genau in diesem Satz verbirgt sich vielleicht die ganze Botschaft der Geschichte aus La Guajira. Es geht nicht nur darum, wie viele Haie wir heute retten. Es geht darum, was wir im Ozean hinterlassen.
Autor: Miri Svobodová
Quelle: Euan Wallace, Mongabay, 20. August 2026